Ergotherapie mit Pferd


Was ist "Ergotherapie mit Pferd"?

In der klassischen Ergotherapie geht es um Selbstständigkeit im Alltag, für Menschen aller Altersklassen und mit allen Schweregraden und Arten von Beeinträchtigungen. Die ErgotherapeutInnen versuchen dabei, die vorhenden Ressourcen zu analysieren um dann mit geeigneten Mitteln und Maßnahmen diese zu erweitern oder zu erhalten.
Schwierigkeiten wird auf den Grund gegangen und dann wird individuell an Lösungen gearbeitet.

In der "Ergotherapie mit Pferd" wirken die Pferd als Brücke zwischen Klient und Therapeut und alles andere ist wie auch in der klassischen Ergotherapie.

 

Dabei helfen die Pferde oft alleine durch ihre Anwesenheit, den Kontakt zum Menschen, und auch durch die Tätigkeiten, die der Versorgung und auch der Interaktion mit ihnen dienen.

 

Alle diese Dingen haben, richtig eingesetzt, therapeutische Wirkung. Das Pferd bringt zusätzlich einen enormen Vorteil mit, mann kann auch noch darauf sitzen und reiten. Die dreidimensionale Bewegung auf dem Pferderücken bringt in der Therapie auch noch viele positive Wirkungen mit.

 

Viele Handlungen mit und für die Tiere stärken das Selbstbewusstsein, bringen mehr Achtsamkeit, holen ins "Hier und Jetzt", trainieren die Aufmerksamkeit, verbessern die Grob- und Feinmotorik, steigern die Merkfähigkeit, bieten viele Reize die der Wahrnehmungsverarbeitung dienen und steigern das körperlich und geistige Wohlbefinden.

 

Auf dem Pferd können auch therapeutische Übungen und Spiele eingestzt werden und diese bringen eine zusätzliche Unterstützung im Erreichen der Therapieziele. 

Wann hilft "Ergotherapie mit Pferd"?

Motorische Defizite

Wahrnehmungsstörungen

Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwäche

Teilleistungsstörungen und Reflexintegration

Legasthenie und Dyskalkulie

angeborenen Behinderungen (z.B.: Morbus Down, Prader-Willi-Syndrom, Infantile Cerebralparese )

ADS, ADHS

Einschränkungen im Sprechen oder der Sprache

mangelndem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen

Autismus

Schwierigkeiten im Sozialkontakt

Was spricht dagegen?

Starke Allergie auf Pferde, Heu oder auch Staub

Große Angst vor den eingesetzten Tieren
Offene nicht abgedeckte Verletzungen oder Wunden, die nicht in Kontakt mit Schmutz kommen dürfen

Persönliche Abneigung

 

für das Sitzen am Pferd gibt es auch noch weitere orthopädische oder physiologische Kontraindikationen, näheres wird im Erstgepräch gerne individuell erklärt und die Risiken abgewogen.

Gedanken zu "Ergotherapie mit Pferd" (Arbeitsauftrag in der Ausbildung, 21.06.2021)

 Ergotherapie mit Pferd

 Kein Therapiemittel, kein Ziel, keine Dokumentation, was würde geschehen? Was ist in meinem Fall geschehen?

 

Ich wollte von klein auf immer Reiten, … Wollte ich überhaupt Reiten? Naja, ja schon, aber ich denke ich wollte bei den Pferden sein und da war Reiten 1987 eine der gängigsten Möglichkeiten, …

 

Ich habe die Zeit im Stall geliebt, eine Liebe die immer noch besteht, … und was hat das mit Ergotherapie zu tun? Worum besteht meine Liebe zur Arbeit mit den Pferden und Klienten schon so lange und intensiv? Warum bin ich Ergotherapeutin mit Pferden geworden? Es war doch, bei Gott, nicht immer einfach, und damals gar nicht so gängig wie heute.

 

 Wie war es damals?

Wir lernten die Stallgasse zu kehren, ausmisten, Pferde auf die Weide führen und wieder zurückbringen, Sattelzeug pflegen, Futter herrichten und vor allem Pferde putzen, Selbständigkeit im Denken und Handeln, Achtgeben um in keine gefährlichen Situationen zu geraten, nicht runter zu fallen, einen freien Sitz, Siegen und Verlieren, Kritik einstecken und verwerten, Eigenwahrnehmung, Feinfühligkeit, Kreativität bei Reparaturen und im Training um ans Ziel zu gelangen, Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Gefühle, vor allem im Bezug auf Wut und Angst, aber auch allen anderen Emotionen und vor allem auch wahnsinnig viel über den Partner und Freund -das Pferd.

 

Was lernte man noch?

 Nicht aufgeben, Anerkennung der eigenen Leistungen, Stärken und Schwächen, Vertrauen aufbauen, Kommunizieren ohne Worte, eine Oase schaffen, wo man den Alltag vergisst, tiefes Glück und Freiheit empfinden, Vertrauen, Beziehungen über Jahre zu pflegen, Rücksicht nehmen, sich Durchsetzen, echte Empathie und auch die ersten therapeutischen und pflegerischen Maßnahmen mit verletzten oder alten Pferden und man lernte auch soooo viele liebe Menschen kennen, die man ohne Pferde vielleicht nie gefunden hätte, …

 

Ich denke, ich kann behaupten, ich lernte oft mehr von unseren Pferden, Stallburschen, den alten Rittmeistern, den Pferdebesitzern aller Altersklassen und den unzähligen spannenden, traurigen, lustigen und freudigen Erlebnissen im Stall, als oft in der Schule oder aus so manchem Buch.

 

Wenn man diesen Text bis hierher als Ergotherapeutin liest, dann findet man in dieser Aufzählung, so viele Ziele, Maßnahmen, Fähigkeiten, die man mit Klienten tagtäglich trainiert, aber …

 

Wo sind denn dabei die Planungen, Zielsetzungen, Dokumentationen und Nachweise, die Mittel und Definitionen?

 Ich traue mich zu sagen, dass der Umgang mit dem Pferd, gelebte Ergotherapie ist, bis in die kleinste Tätigkeit ist alles alltagsrelevant und auf allen Ebenen heilsam und zur Vergrößerung der Selbstständigkeit im Alltag geeignet, vorausgesetzt, der Beziehungsaufbau zu diesen Tieren reizt und man möchte sich auf diese „Reise“ einlassen und es spricht nichts dagegen.

 

Ich denke, ich bin nur genau diese Art Ergotherapeutin, die ich heute bin, geworden, durch die Persönlichkeitsentwicklung durch, mit und auf den Pferden und auch dem Umfeld und Tätigkeiten im Reitstall.

 

Bis heute gibt es auch im Therapieraum ohne Pferd keine Stunde, wo ich und die Klienten nicht von der Zeit mit den Tieren, vor allem Pferden profitiere.

 

Es gibt keine Stunde ohne Wertschätzung, Rücksichtnahme, feinste Wahrnehmung, ständige Reflexion, Anpassung der eigenen Botschaften und Handlungen und so viele der oben genannten Fähig- und Fertigkeiten, …

 

Für mich, ... gelebte Ergotherapie.

 

War meine Zeit in der Kindheit und Jugend mit den Pferden „Ergotherapie mit dem Pferd“?

Nein, ich hatte nie Ergotherapie, aber ich denke, hätte ich damals, als Kind aus irgendeinem Grund pferdegestützte Ergotherapie verordnet bekommen, hätte es so etwas damals gegeben, dann wäre es vielleicht zielgerichteter, nachweisbarer, dokumentierter und auch vielleicht einfacher oder schneller gegangen um aus mir, den heutigen Menschen, die heutige Ergotherapeutin zu machen, die ich bin.

 

Ja, ich denke, ich wäre genau so geworden wie ich bin, … eine Ergotherapeutin, die alles daran gesetzt hat diese und andere wundervolle Tiere in ihre Arbeit zu integrieren, die so viel „try and error“ hinter sich hat und der die vielen wundervollen Geschichten meiner Klienten recht geben, …

 

Vielen meiner ehemaligen und heutigen Patienten geht und ging es so wie mir, … die Pferde (Tiere) haben ihr Leben verändert und verbessert, ... so wie bei mir, auch damals oft ohne Ziel, Dokumentation, Therapiemitteln und Maßnahmen, … einfach so …

 

Die ist ein „Ja“ zur Ergotherapie mit dem Pferd - heute natürlich mit Zielen, Maßnahmen, Mitteln und Dokumentation!

 

Simone Baumgartner